Donnerstag, 12. März 2015

"Anklage: Sterbehilfe" von Martina Rosenberg

Blanvalet
240 Seiten
ISBN 9783764505028
Blanvalet-Verlag
Preis: 19,99 €
gebundene Ausgabe
erschienen März 2015


Martina Rosenberg fragt sich: Machen unsere Gesetze Angehörige zu Straftätern?

Sie berichtet dazu die Geschichte eines jungen Mannes. Jan, 26 Jahre alt, ist seit 3 Jahren inhaftiert, weil er das Leiden seiner Mutter beendet hat. Jahrelang hat er mitgelitten, seitdem sie bei einem Reitunfall im Urlaub ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten hat und von da an im sogenannten Wachkoma lag.
Die Geschichte ist authentisch und die Autorin hat sich sehr genau mit diesem Thema auseinander gesetzt, denn sie hat selbst Angehörige gepflegt.

Meine Meinung

Sterbehilfe, immer wieder ein aufrührendes Thema, das zu Diskussionen anregt. In einigen Ländern haben Betroffene die Möglichkeit, ihr Leben zu beenden, wenn sie selbst dazu in der Lage sind.
In diesem Fall aber ist das anders: Katharina liegt im Wachkoma, sie selbst kann nichts dafür tun, einen Abschluss zu finden. Und eine Patientenverfügung hat sie nicht angelegt, obwohl sie als Krankenschwester vielleicht näher am Thema stand und keinesfalls so enden wollte, wie sie verbal häufig geäußert hat.

Ein Thema, das mich sehr neugierig gemacht und berührt hat. Zu lesen, wie hilflos Angehörige sind, wenn im Vorfeld nichts festgehalten wurde. Die Steine, die ihnen im Weg liegen, egal, ob es um Behördengänge, Formulare, Anträge oder Unterbringung in geeigneten Einrichtungen geht, sind schier unüberwindbar, wenn man keine Unterstützung erhält. Und die ließ hier scheinbar sehr zu wünschen übrig. Das ging mir sehr nahe, denn es zeigt einmal mehr, wie schnell sich ein Leben ändern kann.
Zitate wie "In unserem Heim stirbt keiner" (siehe Seite 166) oder "Uns geht es nur um das Wohl der Patienten" (siehe Seite 166) haben mich erschüttert. Das Wohl des Patienten kann es doch wohl nicht sein, wenn man 7 Jahre lange vor sich hinliegt, Schläuche jeglicher Art in sämtlichen Körperöffnungen liegen hat, abgesaugt werden muss, um nicht am Schleim zu ersticken, und über eine Sonde ernährt wird. Wer will das? Also ich nicht!

Es ist sicher sehr schwierig, sich hier ein Urteil zu bilden, das steht mir garnicht zu, aber Frau Rosenberg hat meinen Respekt, sich dieser Geschichte anzunehmen.
Den Schreibstil finde ich sehr angenehm zu lesen, der Text ist auch für Laien gut verständlich. Die Autorin hat zu diesem Thema gründlich recherchiert, und beschreibt ausführlich jeden ihrer Schritte und lässt den Leser auch an ihren Überlegungen teilhaben.
Um Jan näher kennen zu lernen, beginnt die Geschichte schon in seiner Kindheit, die nicht besonders leicht war, denn seine Mutter war alleinerziehend, hatte nicht immer Zeit für ihren Sohn und es gab immer wieder schwierige Situationen im Leben der beiden.

Am Ende des Buches gibt es jede Menge Verweise und Internetlinks zu Formularen im Bereich Patientenverfügung, Einrichtungen, und rechtliche Hinweise und Unterstützungen, die sich allesamt mit dem Thema Sterbehilfe auseinander setzen.

Unterm Strich

Auch wenn es ein schwieriges Thema ist, muss darüber geredet und gehandelt werden. Das zeigt dieses Buch sehr deutlich. Für die Geschichte selbst werde ich keine Sternthaler vergeben, denn sie ist, wie sie ist: Die Wahrheit. Und die Wahrheit ist in meinen Augen nicht bewertbar.

Aber ich gebe der Autorin 6 Sternthaler, denn sie ist sehr einfühlsam und doch direkt mit dem Thema umgegangen - Hut ab!

Die Autorin
Martina Rosenberg wurde 1963 am Ammersee geboren als jüngstes von drei Kindern und einzige Tochter. Nach einem längeren Auslandsaufenthalt kehrte sie mit ihrer Familie nach Deutschland und in ihr Elternhaus zurück. Sie absolvierte ein BWL-Studium mit Fachrichtung Marketing und arbeitete über sieben Jahre lang als Referentin für Öffentlichkeitsarbeit für das Rote Kreuz. In dieser Zeit schloss sie ein Fernstudium als Journalistin ab. Martina Rosenberg lebt mit ihrem Mann, der gemeinsamen Tochter und ihrem Hund südlich von München. 
Quelle: Blanvalet Autorenseite

Vielen Dank an den Blanvalet-Verlag und  Sebastian Rothfuss für dieses Leseexemplar.

Kommentare:

  1. Spannendes Thema und wichtiges Buch!
    Ich seh das ähnlich wie du: Wenn man nur noch an Geräten hängt, die Umwelt nicht mehr wahrnimmt, ist das auch kein Leben mehr, denn Leben heißt Teilhaben am Leben anderer, an der Umwelt. Gleiches gilt für Fälle, in denen z.B. jemand einen nicht behandelbaren Hirntumor hat und deswegen nicht nur permanent unter Schmerzen leidet, sondern auch immer stärker eingeschränkt ist. Wolfgang Herrndorfs Suizid kann ich daher durchaus nachvollziehen, finde es jedoch furchtbar, dass er seinem Leben auf eine solche Weise ein Ende setzen musste, anstatt Sterbehilfe in Anspruch nehmen zu können. Ich finde es daher richtig und wichtig, dass die Debatte zum Thema Sterbehilfe in den letzten Jahren wieder an Fahrt aufgenommen hat. Sicher ist Sterbehilfe rein rechtlich gesehen auch ein grenzwertiges Thema, sofern keine Patientenverfügung vorliegt. Aber ein grundsätzliches Verbot lehne ich auch ab. Ich bin gespannt, was in diesem Zusammenhang in den nächsten Jahren noch passieren wird.

    Das Buch wird auf jeden Fall im Hinterkopf behalten.

    Ich hoffe, du bist inzwischen wieder wohlbehalten von der Buchmesse zurück und hast nun Zeit, deine ganzen Bücherbündel in Ruhe durchzugehen :)

    Liebe Grüße
    Kathrin

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    1. Hallo Kathrin,
      ja das Thema ist in meinen Augen sehr wichtig. Besonders, wenn ich sehe, was manchmal an meinem Arbeitsplatz zu erleben ist, geht mir dieses Thema nicht aus dem Sinn.
      Herzliche Grüße, Petra

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  2. Huhu,
    eine wirklich spannende Rezi hast du da zu einem nicht weniger spannenden Buch geschrieben. Aufgrund meines Studiums hab ich mich mit diesem Thema mehr als einmal beschäftigt und leider gibt es da keine Richtig- oder- Falsch-Antwort. Aber es ist gut, dass sich Menschen mit einem solchen Thema beschäftigen.
    Ab und an lese ich auch unglaublich gern ein Sachbuch und dieses hat es gerade auf meine WuLi geschafft.

    Bin auch direkt Leserin geworden
    Viele liebe Grüße
    Nelly

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    1. Hy Nelly,
      vielen Dank, ich fand es recht schwierig, das in Worte zu fassen. Aber ja, es ist auf jeden Fall spannend! Freut mich, dass ich damit dein Interesse geweckt habe.
      Herzliche Grüße, Petra

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